Genie und Wahnsinn

Daniel Kehlmanns Die Vermessung der Welt ist eines der besten deutschsprachigen Bücher, das ich in der letzten Zeit gelesen habe. Außerdem ist es das meistverkaufte seit mehr als 20 Jahren. Ich habe mein Exemplar etwas mehr als ein Jahr nach Erscheinen erworben und es ist eines der 27. (!!) Auflage (651.-675. Tausend). Seit Patrick Süskinds Parfum lief es nicht mehr so gut für einen deutschen Autor.

Zum Inhalt muß nicht mehr viel gesagt werden, die meisten werden ihn kennen. Nur kurz: Es geht um Alexander von Humboldt und Carl Friedrich Gauß, zwei große deutsche Entdecker und Wissenschaftler des späten achtzehnten und frühen neunzehnten Jahrhunderts. Humboldt schlägt sich mit seinem Assistenten (oder doch Mitarbeiter?) Bonpland in Südamerika durch den Busch und Gauß schlägt sich daheim in Deutschland mit Mathematik, Astronomie und nichtsnutzigen Studenten herum.

Humboldt hat in seinem ganzen Leben noch keine Frau lustvoll angefasst. Herr Kehlmann deutet an, daß er homosexuell gewesen sei. Gauß hingegen kann nicht wirklich ohne die Frauen leben, obwohl er es manchmal möchte. Er ist ein klassisches Muttersöhnchen, geht jahrelang zu ein und derselben Prostituierten und will sich umbringen, wenn er von Johanna keine Zusage auf seinen Heiratsantrag bekommt. Aber seine wahre Liebe ist die Wissenschaft. In seiner Hochzeitsnacht (Johanna hat zugesagt) steht er mitten im Akt auf, um sich eine Formel zur approximativen Korrektur der Meßfehler der Planetenbahnen zu notieren. Eine köstliche Passage:

Er wälzte sich auf sie, und weil er fühlte, daß sie erschrak, wartete er einen Moment, dann schlang sie ihre Beine um seinen Körper, doch er bat um Verzeihung, stand auf, stolperte zum Tisch, tauchte die Feder ein und schrieb, ohne Licht zu machen: Summe d. Quadr. d. Differenz zw. beob. u. berechn.Min., es war zu wichtig, er durfte es nicht vergessen. Er hörte sie sagen, sie könne es nicht glauben und sie glaube es auch nicht, selbst jetzt, während sie es erlebe. Aber er war schon fertig. Auf dem Weg zurück stieß er mit dem Fuß gegen den Bettpfosten, […] (150)

Das ganze Buch ist so wunderbar geschrieben wie dieser Auszug. Schon auf der ersten Seite läßt Herr Kehlmann seinen irrwitzigen Formulierungen freien Lauf:

Nun also versteckte sich Professor Gauß im Bett. Als Minna ihn aufforderte aufzustehen, die Kutsche warte und der Weg sei weit, klammerte er sich ans Kissen und versuchte seine Frau zum Verschwinden zu bringen, indem er die Augen schloß. Als er sie wieder öffnete und Minna noch immer da war, nannte er sie lästig, beschränkt und das Unglück seiner späten Jahre. (7)

Es haben auch einige andere Größen Gastauftritte. Da wäre zum Beispiel Immanuel Kant, der als hilfloses, schwaches, altes Männchen beschrieben wird. Goethe ist auch mit von der Partie, sowie der amerikanische Präsident Thomas Jefferson und zahlreiche europäische Adelige der damaligen Zeit. Auch Mason und Dixon werden kurz erwähnt; vielleicht eine kleine Anspielung auf Thomas Pynchons Roman?

Die Vermessung der Welt kann man in kein wirkliches Genre einordnen. Es ist kein Historienroman, keine Satire, kein Abenteuerroman; es ist vielmehr eine einmalige Mischung aus all diesen. Der Guardian hat einen interessanten Artikel darüber, was das Buch eigentlich ist, veröffentlicht. Darin geht es auch um die Einflüsse und Besonderheiten der jungen deutschen Autorengeneration. Sie sind nämlich wieder auf dem Vormarsch und stellen ihre "Eltern", wie zum Beispiel Günter Grass, in den Schatten, indem sie sie gar nicht beachten.

2005 war der Roman für den Deutschen Buchpreis in der engeren Auswahl. Gewonnen hat ihn schließlich Arno Geiger mit Es geht uns gut. Das müßte ja heißen, daß dieses Buch noch besser ist. Ich werde es bald herausgefunden haben und darauf zurückkommen.

Humboldts und Gauß’ Vermächtnisse, nämlich deren Leben in einen Roman verpackt, kann ich ruhigen Gewissens weiterempfehlen. Ich möchte behaupten, daß es Pflichtlektüre ist. Um es mit Denis Scheck zu sagen: "Ein gutes Buch" (cf. Platz 2).

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