Sehnsucht nach schöner Literatur

Per Pettersons Sehnsucht nach Sibirien habe ich mit einigermaßen großen Erwartungen gelesen, welche nach der letzten Seite auch beinahe ganz erfüllt wurden. Diese rührten hauptsächlich daher, daß ich vor ein paar Monaten den über alle Maßen wunderschön poetischen Roman Pferde Stehlen von ebendiesem Per Petterson gelesen habe.

Sehnsucht nach Sibirien – im norwegischen Original Til Sibir betitelt – erschien 1996, und 1999 erstmals in deutscher Übersetzung von Ina Kronenberger im Hanser Verlag. Darin begleiten wir ein dänisches Mädchen von ihrem siebten bis zu ihrem dreiundzwanzigsten Lebensjahr. Auch wenn sie selbst die Geschichte mit über sechzig erzählt, sagt sie nichts von ihrem späteren Leben. Es ist die Zeit vor, während und nach des Zweiten Weltkrieges und Dänemark hat mächtig unter der deutschen Belagerung zu leiden.

Der Bruder der Protagonistin, Jesper, ist ein paar Jahre älter als sie und bekennender Kommunist. Schon von Klein auf setzt er sich gegen das System zur Wehr, in dem er zum Beispiel hinter dem Straßenbeleuchter herläuft und eine Laterne nach der anderen wieder ausmacht. Es sind nur kleine Dinge, aber später ist er im Untergrund tätig und hilft den jüdischen Einwohnern der kleinen Stadt bei deren Flucht nach Schweden.

Die beiden Geschwister verstehen sich sehr gut, sie sind einander die besten Freunde. Im Verlauf des Romans ist ihre Beziehung die einzig stabile und über Landesgrenzen hinweg nicht zu schwächen. Als kleine Kinder wollen sie die Welt entdecken. Er will nach Marokko und sie mit der Transsibirischen Eisenbahn durch Rußland fahren, daher auch der Titel. Jesper erreicht sein Ziel, was ihm zum Verhängnis wird, aber seine Schwester reist nur im Dreieck zwischen ihrem dänischen Städtchen, Stockholm und Oslo hin und her.

Sie schafft es nie über die skandinavischen Grenzen hinaus. Jedenfalls nicht bis zu ihrem dreiundzwanzigsten Lebensjahr. Was danach passiert, weiß nur sie allein. Die letzten zwei Sätze des Buches sind traumhaft: "Poker [ein Hund] lief am Wasser entlang mit einem Möwenflügel in der Schnauze, und ich war damals so jung, und ich erinnere mich, dass ich dachte: Ich bin dreiundzwanzig, das Leben ist vorbei. Jetzt kommt nur noch der Rest." Weil ihr Leben vorbei war, erzählt sie auch nicht weiter davon; nicht, was danach passierte, nicht, ob sie je nach Sibirien kam und auch nichts von ihrem Kind.

Erst als ich mit dem Lesen fertig war, ist mir aufgefallen, daß Herr Petterson seiner Protagonistin gar keinen Namen gegeben hatte. Gekonnt hat er diese Sache umspielt. Die Tatsache, daß alles aus ihrer Perspektive erzählt wird, macht es natürlich einfacher. Aber auch ihre Familie und keiner ihrer Freunde nennt sie je beim Namen und ihr Bruder ruft sie nur "Schwesterherz".

Auch der Rezensionsauszug aus der Zeit, der auf dem hinteren Buchdeckel abgedruckt ist, ist ein wahres Gedicht:

So ein Buch ist das. Man liest es, und es ist, als läge man warm im Bett und der Regen spielt Klavier auf dem Dach, und das Leben könnte Sinn gehabt haben, jedenfalls bis zur letzten Seite. Danach ist ja sowieso immer alles anders.

Dem kann ich nur beipflichten. Allerdings wird Pferde Stehlen dieser Beschreibung noch gerechter. Sehnsucht nach Sibirien empfehle ich jedem, der zur Abwechslung einmal ein gutes und poetisches Buch lesen will. Pferde Stehlen erkläre ich, wie auch schon vorgestern Die Vermessung der Welt, zur absoluten Pflichtlektüre für alle, wobei der norwegische Roman noch einen Tick besser ist.

Am 3. Februar 2007 veröffentlicht der Hanser Verlag die dritte deutsche Pettersonübersetzung. Es handelt sich um das im Jahr 2000 erschienene I Kjølvannet. Der deutsche Titel soll Im Kielwasser lauten. Es wurde, wie die beiden vorherigen Romane, von Ina Kronenberger übersetzt. Eine englische Ausgabe – In the Wake – ist bereits auf dem Markt. Man darf gespannt sein.

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